Gedanken zur Jahreslosung 2023

Du bist ein Gott, der mich sieht
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Du bist ein Gott, der mich sieht. (Jahreslosung 2023 aus Genesis 16,13)
So simpel kann Theologie sein. Und so tief hineinfahren in menschliche Seelenherzen, wenn ... ja wenn sie es denn zulassen wollen.
Sehen und gesehen werden. Das ist ein Lebensthema. Vielleicht sogar das Lebensthema schlechthin. In Zeiten der Bilder-Hyper-Inflation erst recht. Sie sehen Dich am Strand, sie sehen Dich beim Radeln, sie sehen Deinen Frühstücksbrei, sie sehen Dich und Deine überglückliche Sippe. Facebook und Instagram machens möglich. Dein Leben mit allen Höhen (und in der Regel keinen Tiefen) im Schaufenster der ganzen Welt. Sie sehen Dich. Du lässt Dich sehen. Sehen sie Dich wirklich? Und: Zeigst Du Dich? Oder nur eine photogeshopte Glitzerfassade?
Sehen und gesehen werden. Worum geht es da?
Gefühlt um alles. Bei manchen um ein Geschäftsmodell. Im Kern vermutlich: Um ein Urteil. Ich sehe, Du bist gut. Du bist schön. Du hast etwas geleistet. Du bist klug. Du bist cool. Du bist sexy. Du bist einmalig. Du bist. Du wirst gesehen. Also bist Du.
In diesem Kontext des Sehens und Gesehenwerdens könnte es (mindestens) zwei Todesurteile geben: Du wirst übersehen. Oder Du wirst belächelt. Beides wirkt demontierend, kränkend, vernichtend.
Du bist ein Gott, der mich sieht. Was könnte das meinen? Früher ist mit diesem Gedanken Angst verbreitet worden. Der Herrgott hört alles. Der Herrgott sieht alles. Nichts und niemand bleibt verborgen vor Gottes Ohren, Augen und Urteil. Also: Nimm Dich in Acht. Du kommst nicht (ungestraft) davon.
Als Christenmensch bin ich angehalten, Gott immer von Christus her zu denken. Gott sieht mich durch die Christusbrille. Gott will mich nicht anders als durch die Christusbrille sehen.
Von Weihnachten herkommend verändert sich Gottes Blickwinkel auf mich (und mein Blickwinkel auf Gott): Gott sieht sich als Mensch, sieht sich das Schicksal eines Menschen ganz genau an. Du bist ein Gott, der mich aus der Innenperspektive sieht.
Du siehst mich in der Krippe liegen mit nassen Windeln. Du siehst mich groß werden, pubertieren, heimlich eine rauchen, einen Beruf erlernen. Du siehst, wie die einen mich anhimmeln und die anderen mich zum Davonlaufen finden. Du siehst, wie schwer es ist, die Herzen der Glückspilze für das Schicksal der Pechvögel zu erwärmen. Du siehst, wie den Sanftmütigen das Erdreich genommen und den Friedfertigen der Vogel gezeigt wird. Du siehst, wie die Gewalttäter den Globus beherrschen und ohne Skrupel ausmerzen, was Kratzer auf ihrem Lack hinterlassen könnte. Du siehst die Ohnmacht. Du siehst ein Leben scheitern. Du siehst die Schmerzen. Du siehst den Tod.
Um Jesu Christi willen bist Du ein Gott, der mich sieht. Du siehst, wie mein Leben laufen könnte: Völlig aus dem Ruder. Trotzdem lässt du mich nicht aus den Augen. Niemals.
Darum wird dieses neue Jahr werden. Mit Dir, Gott, wird es werden. Denn Du siehst mich. Also bin ich.

Ihr und Euer

Daniel Wanke